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"Eltern machen einen großartigen Job"

21.04.2020 • Frankfurt

Gemeinsam durch die Krise: Wie geht es anderen Müttern, Vätern, Großeltern? 

Arbeiten gehen und Kinder erziehen – das ist oft sowieso schon eine Herausforderung für viele Mütter und Väter. In Corona-Zeiten nagt neben Kinderbetreuung und Home-Office dann auch noch das schlechte Gewissen. Schluss damit, meint Silke Schröckert: Sie ist Autorin, Chefredakteurin von  Enkelkind.de und Mutter. Sie möchte anderen Eltern jetzt vor allem Mut machen. Unsere Fragen hat sie mitten in der Nacht beantwortet – tagsüber blieb einfach keine Zeit...

Liebe Silke, aktuell beherrscht Corona nicht nur die Nachrichten, sondern auch alle anderen Ressorts und Redaktionen. Für das Magazin „Leben + Erziehen“ hast du aufgeschrieben, wieso dich die „Tipps gegen Langeweile“ so nerven. Schließlich müssen die allermeisten Menschen weiterarbeiten, haben nun auch dank Kinderbetreuung zu Hause aber eher doppelt so viel als gar nichts zu tun. Wie sieht aktuell ein normaler Tag in deiner Familie aus?
Die Tage haben sich bei uns um die Nacht erweitert – diese Zeilen schreibe ich um 1.15 Uhr … Mein Mann und ich sind beide selbstständig und da sich bei uns beiden die Arbeitszeit durch die fehlende Kinderbetreuung tagsüber massiv verkürzt hat, kommen eben die Nächte als „offizielle Arbeitszeit“ hinzu.


Zwar können sich unsere Kinder mit ihren drei und sechs Jahren schon erstaunlich lange alleine beschäftigen, wenn sie in ihre Fantasiewelten und Rollenspiele abtauchen. Nur lässt sich leider nie planen, wann genau das passiert. Meine tatsächlichen Arbeitszeiten sind daher unplanbar. Mal sind es 30 Minuten am Stück, mal nur zwei. Für meine eigentliche Arbeit, das Schreiben von Texten, brauche ich länger Ruhe – das geht zurzeit am besten, wenn die Kinder schlafen. Vor 1 Uhr morgens bin ich seit Mitte März nicht im Bett gewesen, mein Mann in der Regel nicht vor 2 Uhr. Tipps gegen Langeweile und seitenlange Bastelanleitungen sind daher tatsächlich gerade das letzte, was meine Familie benötigt.

Was würde Eltern deiner Meinung nach denn tatsächlich helfen?
An allererster Stelle die wichtige Botschaft, dass sie gerade einen großartigen Job machen – selbst, wenn heute schon die vierte Folge „Paw Patrol“ lief und es den dritten Tag hintereinander Fischstäbchen gab. Wir leben in einem Ausnahmezustand, und darauf darf man mit Ausnahmeregeln reagieren. Jetzt ist nicht die Zeit, perfekt zu sein! Eine Freundin – selbst dreifache Mutter – hat mir heute, am Ostersonntag, ein „Care Paket“ mit Prosecco, Schokolade und Kaffee vor die Tür gelegt, dazu einen Brief mit einem ehrlichen Lob dafür, wie großartig ich die Situation aus ihrer Sicht gerade meistere. Das hat mir einfach so gutgetan, dass mir sofort die Tränen gekommen sind. Und ich glaube, anderen Eltern würde so ein Lob auch sehr guttun. Ich würde deshalb gern allen Eltern da draußen gerade einfach laut sagen: Ihr macht das toll! Und genau richtig, so wie ihr es macht!

Du bist nicht nur erfahrene Mutter, sondern auch Mitbetreiberin des Online-Magazins „Enkelkind“. Worum geht es dort und was hat euch den Anstoß zu diesem Themenschwerpunkt gegeben?
Ich war 2013 das erste Mal schwanger und meine Mutter freute sich wie verrückt auf ihr erstes Enkelkind. Sie wollte schon damals auf keinen Fall so eine Oma werden, die mit veralteten Weisheiten daherkommt, sondern sich auf den neuesten Stand bringen – in Sachen Erziehung, in Sachen Babypflege und vor allem in Bezug auf die wichtige Rolle der Großeltern, die sich ja in den letzten Jahrzehnten stark geändert hat. Heute gibt es zwar einige wirklich schöne Angebote speziell für frischgebackene Omas und Opas im Zeitschriftenregal, vor 7 Jahren aber herrschte in dieser Hinsicht absolute Ebbe. Ein eigenes Printmagazin konnte ich auf die Schnelle nicht aus dem Boden stampfen, aber mit www.Enkelkind.de habe ich immerhin eine kleine, feine Website ins Leben gerufen speziell für alle frischgebackenen und auch erfahrenen Großeltern. Heute betreibe ich die Seite gemeinsam mit meiner guten Freundin Eva, ebenfalls zweifache Mutter.

Die Situation ist ja aktuell gerade für Großeltern sehr hart. Was kann man Oma und Opa sagen, die jetzt zu Hause sind? Trösten Videotelefonate – oder machen die alles nur noch schlimmer?
Das wichtigste, was man ihnen sagen sollte: Ihr seid gute Großeltern, eben WEIL ihr zu Hause bleibt. Auf Enkelkind.de habe ich einen Text veröffentlicht mit dem Titel „Du bist trotzdem eine gute Oma“, in dem ich Situationen beschreibe, die Großeltern jetzt vermutlich besonders schwer fallen: Vorlesen geht nur per Skype und nicht aneinander ins Bett gekuschelt, die Osterfeiertage finden ohne die Enkelkinder statt und sogar Urlaube, die bereits fest mit den Enkelkindern geplant waren, mussten und müssen abgesagt werden. Der Text wurde auf unserer kleinen Seite in nur einer Nacht über 2.500 Mal gelesen – für uns absoluter Rekord. Ich glaube, das Bedürfnis nach Austausch ist hier einfach enorm und sollte nicht unterschätzt werden. Und ja, natürlich sind Videotelefonate wichtig und richtig, für beide Seiten! Meine Kinder fragen regelmäßig nach ihren Omas und sowohl die Kleinen als auch die Großen freuen sich, dass sie zumindest über den Bildschirm Kontakt halten können. Und ich bin ehrlich: Mich freut es auch aus ganz pragmatischen Gründen, denn bei uns funktionieren die Skype-Anrufe fast wie eine digitale Kinderbetreuung: Während Oma vorliest, kann ich mal in Ruhe Emails lesen oder Essen kochen.

Einige sehen die aktuelle Krise als Möglichkeit, Dinge neu zu sortieren und strukturieren. Zudem sieht man, dass – mit entsprechender Notwendigkeit – auch einiges doch recht schnell auf die Wege gebracht werden kann. Gibt es etwas, das du dir zum Beispiel von politischer Seite jetzt für die nahe Zukunft nach Corona wünschen würdest? 
Ich bin keine Politikerin und ich bin ehrlich: Jetzt gerade bin ich mehr denn je froh darüber, keine zu sein. Wir alle haben eine solche Pandemie noch nie erlebt, auch unsere Politiker, Virologen, Ärzte und alle anderen Menschen im Gesundheitswesen nicht. Und ich muss sagen: Daran gemessen und gerade im Vergleich zu anderen Ländern geschieht in Deutschland gerade Großartiges.
Trotz allem hoffe aber natürlich auch ich, dass sich nach alledem endlich einiges in unserem Gesundheitswesen ändert und die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung der Menschen, die unsere Angehörigen und Kinder pflegen und betreuen, endlich maßgeblich verbessert werden. Ich finde den Gedanken absurd, dass die Person, die sich um meine Steuern, mein Erspartes oder meine Immobilien (wenn ich welche besäße) kümmert, so viel mehr verdient, als die Person, die auf meine Kinder aufpasst oder meine Großeltern pflegt – aber so ist leider die Realität. Und das kann doch nicht richtig sein.

Wenn du unseren Leserinnen und Lesern sonst noch etwas mitgeben möchtest: Sehr gern! :)
Ich habe das schon in dem Artikel geschrieben, den ihr eingangs zitiert habt, aber ich wiederhole es sehr gern noch einmal hier: Wer glaubt, dass Home-Office und Kinderbetreuung sich gut miteinander kombinieren lassen, der hat entweder das eine oder das andere nicht richtig verstanden. Wenn also auch du, liebe Mama oder lieber Papa mit Kindern im Home-Office, die ihr gerade diese Zeilen lest, aktuell an eure Grenzen kommt, weil euer Tag zu wenig Stunden hat und einfach alles viel zu viel ist, dann liegt das nicht an euch. Das ist keine Situation, die „die anderen doch auch irgendwie schaffen“. Die anderen schaffen es auch nicht. Wir Eltern sind gerade alle auf unsere Weise mit den Nerven am Ende. Und das ist okay. Es wird wieder besser werden. Und bis dahin lasst uns möglich ohne zu hohe Selbstansprüche, ohne Vergleiche und ohne Verurteilungen durch diese Zeit kommen. Und diese WhatsApp-Gruppe mit den anderen Eltern, in der täglich gepostet wird, was die Kinder heute wieder Tolles gebastelt, gebacken und gemalt haben – und du fragst dich, wann du das noch schaffen sollst? Tritt aus. Lösch sie. Noch heute Nacht.


Vielen Dank für das Gespräch und viel Nervenstärke für die kommende Zeit!


Mehr lesen? Hier geht's zum Magazin Enkelkind.de - empfehlenswert nicht nur für Großeltern.


Unterstützung erhalten? Wer Home-Office und Kinderbetreuung nicht so ohne Weiteres bewältigen kann oder zusätzlich durch Krankheit oder einen anderen Notfall belastet ist, darf sich natürlich wie immer gerne an unsere Büros und Geschäftsstellen wenden. Wir organisieren so schnell als möglich eine Betreuung im eigenen Zuhause. 

Foto: privat.