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„Komm, wir bauen uns eine Höhle!“ - Was brauchen Kinder wirklich?

28.06.2017 • Hamburg

Für Mia* scheint es das Größte, die Welt mit mir auf den Kopf zu stellen. Brauchen wir wirklich mehr? Ein paar Gedanken aus Hamburg.

„Komm, wir bauen uns eine Höhle!“ Meine Nichte steht vor mir mit großen Kulleraugen und einem riesigen Lächeln im Gesicht. Ich sitze noch am Computer und tippe konzentriert vor mich hin. Es ist 17 Uhr und mein Mail-Postfach läuft weiterhin über. Ihr zu sagen, dass ich erst später kann, weil ich noch arbeite, bricht mir das Herz. Sie scheint nicht allzu traurig und sagt, sie komme nochmal wieder. Um ca. 18 Uhr steht sie wieder vor mir. „Jetzt aber. Sonst gibt es bald schon Abendbrot und dann muss ich ins Bett. Komm mit!“ Was soll ich dazu sagen? Sie hat Recht. Und keine Mail der Welt könnte wichtiger sein. Also bauen wir eine Höhle.

Ich hasse es, nein zu sagen. Natürlich muss ich arbeiten. Aber sind die Überstunden wirklich so wichtig? Muss all das Zeug in den Mails wirklich JETZT beantwortet werden? Irgendwie gibt mir die Arbeit ein Gefühl von Sicherheit, eine Struktur, eine Aufgabe. Sicherheit braucht Mia* auch. Und was brauchen Kinder noch? Es klingt immer so einfach. Liebe, Sicherheit, Strukturen, Raum für individuelle Erfahrung. Das bestätigen Psychologen und Forscher. Die Werbung macht es uns vor. Kinder leben im Hier und Jetzt - wir oftmals nicht. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht.

Sicherheit, Struktur, individuelle Erfahrung und jede Menge Liebe

Kinder brauchen Sicherheit. Und die bekommen sie durch bleibende Bezugspersonen, Strukturen, und jede Menge Liebe - denn durch sie fühlt man sich stärker und selbstbewusster. Diese Sicherheit gibt Kindern den Freiraum, individuelle Erfahrungen machen zu können und sich so weiter zu entwickeln. Aber um diesen Raum zu schaffen, braucht es freie Zeit, denn Liebe wird für Kinder durch aufmerksame Anwesenheit spürbar. Durch Bezugspersonen, die ihre Erfahrungen teilen, stets unterstützen und dadurch die nötige Struktur zur Entfaltung bieten. Meine Schwester ist berufstätig, ihr Mann ebenfalls. Das zweite Kind ist schon unterwegs, und neben Mia und der Arbeit muss natürlich auch der Haushalt gestemmt werden - und vieles mehr. Ihr kennt das sicher. Dabei wirken die beiden nicht einmal gestresst. Wie machen die das?

Unsere Bedürfnisse unterscheiden sich garnicht so stark

Meine Schwester Melanie zuckt nur mit den Achseln, als ich sie frage. Sie war früher ein echter Workaholic. „Naja, in den ersten Jahren war all das durchaus zu viel für mich. Ich habe oftmals auch Arbeit mit nach Hause genommen, und das Gefühl, sich zerteilen zu müssen, nahm Überhand. Der Job hatte Priorität, bevor Mia da war. Daher war es nicht leicht, umzuschalten. Ich liebe meinen Beruf, auch wenn er mich immer wieder stresst. Aber als Mia da war, konnte ich nicht mehr das gleiche Pensum an Aufgaben erledigen und musste kürzer treten. Natürlich ging das auch mit weiteren Ängsten einher. Verdienen wir genug Geld, wenn ich weniger arbeite? Kann ich dann überhaupt für Mias Zukunft vorsorgen? Deshalb fiel mir die Entscheidung nicht leicht. Aber schon als Mia ganz klein war, merkte ich, wie mein Stress auch auf sie abfärbte, und das wollte ich nicht. Ich dachte immer, ich bräuchte meine Arbeit für das Gefühl von Sicherheit - um zu wissen, wer ich bin. Aber als ich kürzer trat, merkte ich schnell, dass sich Mias und meine Bedürfnisse garnicht so stark voneinander unterschieden. Ihre tolle Entwicklung gibt mir die Vergewisserung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Und mich nach der Arbeit ganz auf sie einzulassen, hat mich auch persönlich viel glücklicher gemacht. Wir haben immer das Gefühl, wir müssten tausend Dinge auf einmal erledigen, und für Spaß haben wir stets erst ‚später‘ Zeit. Aber das ist Quatsch denke ich. Wir müssen uns einfach die Zeit für die Dinge, die wichtig sind, nehmen. Mia ist es egal, ob er Abwasch bis abends in der Küche steht - warum dann nicht auch mir. Und ich glaube, dass es wichtiger ist, dass sie ihre Erfahrungen mit mir teilen kann und so zu einem selbstbewussten Menschen aufwächst, als dass all meine Mails innerhalb einer halben Stunde beantwortet sind oder das Geld für ihr erstes Auto schon jetzt parat liegt.“

Melanie hat Recht. Also frage ich mich, warum wir uns allzeit so beschäftigt fühlen oder beschäftigt fühlen wollen, um das Gefühl von Sicherheit zu haben. Vielleicht würde es uns allen gut tun, (Selbst-)Sicherheit verstärkt in zwischenmenschlichen Beziehungen zu suchen und das Hier und Jetzt wieder intensiver zu erleben und zu teilen.

*Zum Schutz der Privatsphäre wurden alle Namen in diesem Artikel geändert.

Ein Beitrag aus Hamburg.