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„Sie sagte ‚Papperlapapp‘ und stapfte entschlossen voran. Und ich wollte nur eins: hinterher.“

28.03.2019 • Hamburg

„Nachdem ich solange krank und auf Hilfe angewiesen war, fiel es mir sichtlich schwer, danach wieder durchzustarten. Immerhin war ich 67 und ich bildete mir ein, das sei normal. Wer hätte gedacht, dass mein ‚Motivations Coach‘ meine 79 jährige Nachbarin sein würde.

Die Geschichte ist kurz erzählt: Ich stürzte sehr ungünstig und brauchte nach ein wenig hin und her eine neue Hüfte. In meinem Alter, so sagen die Leute, ist das keine Kleinigkeit. Etwas, das ich ganz sicher nicht hören wollte. Schließlich fühlte ich mich noch recht jung - vor diesem Unfall.

Doch mit dem Unfall und der Unbeweglichkeit kamen die Blicke. Ich spürte sie auf mir wie zu schwere Kleidung, sie kamen von meiner Familie und den Nachbarn. Wenn aus einem stolzen Gang ein humpelnder wird und die Einkaufstüten aus Versehen nur ein einziges Mal auf dem Boden landen, fühlst du regelrecht, wie die Augen, die dir folgen, sich verändern. Weicher werden. Mitleidig dreinschauen. Und das macht etwas mit dir. Mit mir hat es etwas gemacht. Denn auf einmal fühlte auch ich mich ein wenig bemitleidenswerter als vorher, ein wenig schwächer, ein wenig älter.

 

Ich machte nur langsam Fortschritte, und die Realität, die mit Blicken auf mich gelegt wurde, wurde meine Realität. Ich brauchte eine Haushaltshilfe, denn Treppe und Einkäufe schienen schier unüberwindbare Hürden direkt nach der OP. Aber das war nicht mein Problem. Denn die junge Frau, die in meinen Haushalt kam, war wundervoll. Sie packte an und half, jedoch auf Augenhöhe. Ihr blick war sanft, aber nicht bemitleidend, und so schätzte ich ihre Gesellschaft, und vor allem ihre Hilfe. Nur dass ich mich alt fühlte, das konnte sie nicht ändern.

Es vergingen ein paar Wochen, und obwohl ich vor der OP recht fit war, schien ich nicht wieder vollkommen auf die Beine zu kommen. Ich glaube, mir fehlte die Motivation. Ich sah mich mit den Augen der anderen und hatte das Gefühl, dort noch viel älter auszusehen als ich mich ohnehin schon fühlte. Im Nachhinein kann ich das Empfinden nicht mehr richtig nachvollziehen, aber ich glaube, ich projizierte das Bild der anderen auf mich selbst, und begann selbst zu glauben, dass ich zu alt, zu gebrechlich, zu immobil war. Und dass ich dies nicht mehr einfach ändern könnte.

 

An einem beliebigen Tag hörte ich mich selbst stöhnen, als ich die Treppe runterging und sich irgendwie noch immer nicht wirklich alles geschmeidig anfühlte. Meine Haushaltshilfe fragte besorgt, ob alles in Ordnung sei. Ich erschrak, weil das Stöhnen keine Absicht war, war kurz wütend auf mich selbst und bejahte. Von oben kam meine 79 jährige Nachbarin (mittlerweile hat sie ihren Achtzigsten gefeiert), sah mich kopfschüttelnd und die Augen verdrehend an, sagte nur schroff „Papperlapapp“ und stapfte entschlossen voran. Und ich wollte nur eins: hinterher.

Dieser Moment ist mir in Erinnerung geblieben, wenn ich daran denke, wie ich mich nach meiner OP eigentlich wirklich wieder aufgerafft habe. Ich habe diese ältere Frau gesehen (die übrigens ebenfalls bereits eine neue Hüfte hat), war beeindruckt von ihrer Willens- und Körperstärke und beschloss, dass ich genau das auch brauchte, und dass nur ich mir dies auch geben konnte. Was bleibt, ist die einfache Erkenntnis: Lasst euch nicht unterkriegen! Wir sind so alt, wie wir uns fühlen, und nicht so alt, wie uns andere sehen. Manchmal müssen wir uns aufraffen.“